Sonntagabend, 19 Uhr 05, RTL. Pünktlich flimmert Vera Int-Veen über die Mattscheibe und stellt die „Stars“ dieser Staffel von „Schwiegertochter gesucht“ zum wiederholten Male vor. Diese „Stars“ sind der lebende Beweis für das real existierende "Neandertal". Bei diesen Protagonisten hat die Evolution hin zum homo sapiens einen großen Bogen gemacht. Einen verdammt großen Bogen.
Nun stehen sie also da, die Übriggebliebenen, diejenigen, die keine abbekommen haben. Weil sie entweder zu dämlich zum Baggern sind oder so daneben, dass es die Damenwelt der Evolution gleichtut und einen weiten Bogen um die Muttersöhnchen macht. Die Verzweiflung der Eltern muss schon gewaltig sein, wenn sie sich für diese Show hergeben. Nur um den überreifen Balg endlich an die Frau zu bekommen. Da stehen sie, Guido, Heiko, Oliver und wie sie alle heißen mögen. Und sabbern schon aus Vorfreude auf die Frauen in die Kamera.

Derweil steigert Vera die Spannung und kündigt die Damen an. Wie ist es eigentlich um die bestellt? Auch hier wird dem aufmerksamen Zuschauer sofort klar, dass die Eltern scheinbar Geschwister waren. Seit mehreren Generationen. Sie finden diese männlichen DNA-Katastrophen unglaublich süß und sensibel. Und natürlich gutaussehend. Was zahlt RTL eigentlich den Mädels für diese Liebeshymnen? Wie dem auch sei, schon die Vorstellung der paarungswilligen Intelligenz-Allergiker ist zum Fürchten.

Das Zusammentreffen macht es auch nicht besser. Da mühen sich Oliver und seine Braut ab, ein Kondom über eine Banane zu ziehen. Weil das Bübchen noch Jungfrau ist und sein weiblicher Gegenpart scheinbar auch nicht viel Ahnung hat. Ein Schenkelklopfer zur besten Sendezeit. Das „einzig wahre Wolle-Petry-Double“ (so die Verlautbarung von RTL) fährt Fast-Rentnerinnen im Ami-Schulbus durch die Geografie und trällert ihnen seine Schlager in die Gehörgänge. Weiß Wolfgang Petry, dass er so eine Doublette hat? Wenn ja, weiß man, wie es ihm geht? Muss er immer noch Pillen schlucken? Das waren nur zwei der Heiratswilligen bei den anderen sieht es ähnlich trübe aus.

Das grausamste Folterinstrument der RTL-Sadisten aber sind zweifelsohne die Texte, die Vera aus dem Off plappern muss. Von ihr selbst können diese Texte unmöglich sein, immerhin kann man bei Frau Int-Veen einen gewissen IQ voraussetzen, hat sie doch immerhin studiert und war freie Mitarbeiterin bei Rudi Carrell und Thomas Gottschalk. Vielmehr scheint es, als würden die Texte aus der Feder von Autoren stammen, die auf irgendwelchen Giftpilzen hängen geblieben sind. Oder die zu sehr dem Genuss alkoholischer Getränke frönen. Da treffen der herzliche Hasenhalter aus dem heimeligen Harz und der fürsorgliche Feuerwehrmann aus dem fröhlichen Freiburg auf die attraktive Altenpflegerin aus dem außergewöhnlichen Augsburg oder die melancholische Malerin aus dem milden Münster. Was erwartet uns in den nächsten Staffeln? Der debile Damenbinden-Aufwickler Daniel aus dem düsteren Detmold befummelt dann vermutlich die lachende Leerregal-Aufräumerin Lina aus dem lustigen Ludwigshafen. Oder der knausrige Knallfroschsortierer Karl aus dem kreativen Krefeld knattert die fröhliche Furz-Anzünderin Frauke aus dem frivolen Frankfurt. Um Himmels Willen, der Herr erspare uns derartige Autoren-Auswüchse.

Eigentlich soll man sich nicht lustig machen über Menschen, die offensichtliche Defizite haben. Aber genau das ist das Ziel der Produzenten. Denn sie wissen um die Sensationsgeilheit der Menschen, insbesondere der TV-Konsumenten. Und bedienen gekonnt diese menschlichen Abgründe. Indem sie die Protagonisten nicht selten auch überzeichnet darstellen, nur um diese Zuschauer-Bedürfnisse zu befriedigen. Es ist vermutlich diese gewisse Faszination des Grauens, die uns an Unfallstellen gaffen lässt, die uns dazu bewegt Horrorfilme anzusehen und eben auch „Schwiegertochter gesucht“. Oder die anderen großartigen TV-Momente des deutschen Privatfernsehens. Verschwörungstheoretiker glauben sogar, dass RTL ein eigenes, geheimes Labor unterhält, in dem die Probanden extra für solche Shows gezüchtet werden. Wenn man die Leute so sieht, man mag es gar zu gerne glauben.
Wenn man am Ende der Sendung angelangt ist, dann hat man eines gelernt. Demut. Man sinkt auf die Knie, faltet die Hände und richtet den Blick gen Himmel. Seinem Schöpfer dankend, dass er einem an der Evolution hat teilnehmen lassen.

Und jeden Sonntag, wenn dieses fulminante Feuerwerk des fröhlichen Fernsehens ausgestrahlt wird, sitzen mehrere Millionen Menschen vor der Glotze. Mitunter deutlich mehr als drei Millionen. Und das Aller-Furchtbarste: Ich bin einer von ihnen...
Doch das ist beileibe nicht alles. Meine Frau (JA!!!! Das mir angetraute Eheweib, das mit mir durch gute und schlechte Zeiten gehen, und nicht die schlechten Zeiten schaffen soll) hat bei Facebook der offiziellen Seite dieses Dilemmas ein LIKE gesetzt. EIN LIKE!!!! (von fast 230.000!) Weil sie die alle so drollig findet, so ihre Verlautbarung. Drollig! DROLLIG? Was bitte ist drollig an den Engels-Deppen, die eine Videoanleitung gebastelt haben, damit die Welt lernt, wie Aura-Spray gemacht wird? WAS?
Wie dem auch sei. Ich gehe jetzt zu Bett und weine bitterlich in mein Kopfkissen. Mit Herzrythmusstörungen und Halluzinationen, bis hin zu Wahnvorstellungen. Kein Wunder, dass dieser Mist immer um Halloween ausgestrahlt wird. In dunklen Ecken lauern sie mir auf. Die frivole Frittenstaplerin Frieda aus Freiburg und die dramatische Duschkabinenfesthalterin Dagmar aus Darmstadt. Ja, ich habe Angst...