Dauerhaft dicht: Besucher und Anwohner haben in der Altstadt kaum Chancen auf Abstellplätze. Foto: berlinreporter.Haehnel


Ach, ist das nicht herrlich! Endlich kann man der Obrigkeit wieder eins auswischen. Beim Bürgerentscheid am Sonntag (24.8.) zum Thema Parkraumbewirtschaftung in der Köpenicker Altstadt zum Beispiel.
Mal abgesehen von dieser intellektuell etwas "schlichten" Form der Retourkutsche. Wem würde es eigentlich nützen, wenn die Parkraumbewirtschaftung nicht kommt?
Den Anwohnern?
Nein, denn die finden in der aktuellen Situation ohnehin praktisch keine Abstellmöglichkeit.
Den Besuchern der Altstadt?
Auch nicht. Denn die haben dasselbe Problem.
Würde es wenigstens den Geschäftsleuten in der Altstadt nützen?
Nein, wie denn! Aus den genannten Gründen können Kunden nicht mal eben in die Altstadt kommen, ihre Euros dort ausgeben, ihre Einkäufe verladen oder die Gewerbetreibenden ordentlich beliefert werden und selbst ausliefern.
Den Beschäftigten in der Altstadt?
Ja, denen würde es nützen. Die könnten weiterhin die knappen Plätze den ganzen Tag blockieren und mit ihrer Aktentasche unterm Arm die kurzen Wege in ihre Dienststelle nutzen. Das sind ein paar hundert. Und demnach müssten die paar hundert und ihre Lieben, sagen wir mal grob geschätzt tausend, gegen die Parkraumbewirtschaftung stimmen – aus ganz persönlich-egoistischen Gründen. Ist ja auch erlaubt, seine Interessen zu vertreten.

Und alle anderen müssten...

aus ganz vernünftigen Gründen für die Parkraumbewirtschaftung stimmen. Logisch, oder? Oder nicht?
Hier als nochmal eine Zusammenfassung als Entscheidungshilfe:

Mit „Ja“ (also für den Bürgerentscheid und gegen die Parkraumbewirtschaftung) stimmen sollte,
- wer Dauerparkplätze für die Beschäftigten im Raum Altstadt erhalten will,
- wer dauerhaft den Parksuchverkehr sicherstellen und ausbauen will,
- wer selbst regelmäßig nur schlechte Chancen zum Abstellen des eigenen PKW in der Altstadt braucht
- wer die Gelegenheit nutzen möchte, der Politik „eins auszuwischen“

Mit „Nein“, (also für die Parkraumbewirtschaftung) sollte stimmen,
- wer seine Chancen auf einen Parkplatz beim Besuch der Altstadt erhöhen möchte
- wer möchte, dass Berufspendler eher die öffentlichen Verkehrsmittel für den Arbeitsweg nutzen
- wer den Gewerbetreibenden in der Altstadt bessere Chancen zur Entwicklung geben möchte
- wer dem Versuch der beobachteten Parkraumbewirtschaftung einschließlich Auswertung eine Chance geben will

Hier fehlt das Argument der Gebühren und damit die unterstellte „Abzocke“? Richtig, das fehlt. Aber kann man bei den relativ kleinen Beträgen überhaupt von „Abzocke“ sprechen? Oder ist es nicht möglicherweise besser, für ein paar Cent bessere Chancen auf einen Platz zu haben und die Umweltbelastung zu reduzieren?
Obwohl: für die Dauerparker wäre es schon recht teuer – aber das ist ja gerade der Plan. Nicht ohne Grund konnten schon bei der Unterschriftensammlung gegen die Parkraumbewirtschaftung emsige Mitarbeiter des Bezirksamtes beobachtet werden.

Und nun darf man mal gespannt sein, wie schlicht und reflexartig oder wie rational und besonnen die Menschen im Bezirk reagieren.