Nachdenklicher Coach - Ist es die extrem enge Tabelle oder ist die Truppe dann doch eher nicht erstligareif? 
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Drei Spieltage vor dem Ende der Zweitligasaison befinden sich die Kicker aus Köpenick immer noch auf gefährlicher Gratwanderung. Der scheinbar sichere Tabellenrang neun sowie 41 Punkte hätten normalerweise den sicheren Hafen für den Klassenerhalt bedeutet. Die letzten Spiele wären eine relativ lockere Angelegenheit gewesen. Hätte, wenn und aber. Aber diese Saison ist eben nicht normal. Sie ist der blanke Wahnsinn. Zwischen Rang fünf (Regensburg) und dem Abstiegsrelegationsplatz 16 (St. Pauli) liegen nur sieben Punkte. Selbst die mageren 34 Zähler des Vorletzten Darmstadt sind für den Erstligaabsteiger noch kein Grund aufzugeben. Neun Punkte sind noch zu vergeben. Da ist vieles möglich. Nur am Abstieg des 1. FC Kaiserslautern (29 Punkte) zweifelt wohl niemand mehr. Obwohl – rein mathematisch gäbe es auch für die Lauterer noch Hoffnung. Es scheint auf jeden Fall, dass nun...

...die Stunde der Mathematiker geschlagen hat. Wahrscheinlichkeitsrechnung liegt hoch im Kurs bei allen Beobachtern der Zweitligaszene. Für Union sieht es dabei gar nicht so schlecht aus. Prinzipiell könnte der Mannschaft mit dem Gewinn eines Punktes beim hochgradig abstiegsgefährdeten Team von Darmstadt den direkten Abstieg schon vermeiden. Vorausgesetzt Heidenheim verliert am nächsten Wochenende zu Hause gegen Sandhausen und Pauli holt gegen Fürth mindestens einen Punkt. Denn mit einer Differenz von aktuell sieben Toren liegt Union weit vor allen Verfolgern. Das Torverhältnis der Eisernen von 49:42 ist sozusagen einen halben Punkt wert. Es gibt auch eine ausgesprochen optimistische Variante der Mathematik: Wenn Union alle drei Spiele gewinnt und die vor ihr liegenden Mannschaften vorwiegend verlieren, wäre sogar der dritte Rang und damit die Relegation möglich.

Aber Wahrscheinlichkeitsberechnungen müssen natürlich auch mehr als nur Möglichkeiten in die Rechnung einfließen lassen. Auch vergangene Ergebnisse spielen eine Rolle. Deshalb sollte man sich wohl eher auf die weniger euphorische Variante beschränken.

Und natürlich interessiert sich Trainer André Hofschneider wenig für Mathematik. „Jetzt fahren wir nach Darmstadt, um zu gewinnen”, sagt er. Wobei er weiß, dass die Mannschaft seines Kollegen Dirk Schuster mit dem Rücken zur Wand steht. Dabei unterscheidet sie sich personell kaum von der, die noch vor einem Jahr in der ersten Bundesliga agierte. Darmstadt wird alles tun, um Union zu ärgern.

Und ausgerechnet jetzt muss Felix Kroos pausieren. Der Kapitän, schon beim 1:1 am vergangenen Sonnabend gegen Heidenheim mit Problemen im Sprunggelenk und nur mit Schmerzmittel auf dem Rasen, braucht eine längere Pause. Ob sein Vertreter Grischa Prömel seine Knieprobleme überwunden hat, ist noch ungewiss.

Eine andere Personalie könnte rein sportlich auch von Nutzen sein: Marcel Hartel. Das 22-jährige Talent und Spieler in der Nachwuchsauswahl bekam unter Hofschneider nur Kurzeinsätze und stand zuletzt nicht einmal im Kader. Warum das so ist, darauf gaben bislang weder der Trainer noch andere Verantwortliche eine klare Antwort. Es bleiben also eigentlich nur noch persönliche Probleme, die dem Einsatz von Hartel im Wege stehen. Aber die wirklichen Gründe werden wir wohl erst nach der Saison erfahren.

Wahrscheinlich wird Unions Urgestein Michael Parensen wieder ins Aufgebot rücken und mit seiner Erfahrung die oft vermisste Ruhe ins Spiel der Unioner einbringen. Sein Kampfgeist könnte der Mannschaft den letzten Kick geben, um diese Wahnsinnssaison noch zu einem versöhnlichen Ende zu führen.