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Noch ist Stimmung gut - auch den bei eisernen Ladies...
Fotos(3): berlinreporter.Obuchoff


Ab kommender Woche beginnt für den 1. FC Union Berlin ein Art „Mission impossible”. Sieben Punkte trennen die Köpenicker Kicker von einem Aufstiegsrang.
Sieben Punkte beträgt aber auch der Vorsprung vor dem unteren Relegationsplatz. Das heißt: Mit Tabellenrang sechs wurde das Ziel bislang verfehlt. Der angepeilte Aufstieg ins Oberhaus des deutschen Fußballs ist nur noch mit fremder Hilfe möglich.

André Hofschneider – vor gut einem Monat als neuer Trainer der ersten Mannschaft installiert – sieht die die Chancen für einen Aufstieg am Ende der Saison nüchtern: „Ich glaube, man ist nach fünf Siegen nicht automatisch aufgestiegen und man ist nach drei Niederlagen nicht aus dem Rennen.“ Das Unioner Urgestein – im Verein Hofi genannt – hatte im Dezember die schwere Aufgabe übernommen, die Mannschaft wieder in die Spur zu bringen. Nicht allein die unbefriedigende Platzierung war es, sondern vor allem die Stagnation in der spielerischen Entwicklung die für die Entlassung von Hofschneiders Vorgänger Jens Keller nach dem 16. Spieltag sorgte.
Hofschneider möchte der Mannschaft zu einem variableren Spiel verhelfen, das schwieriger ausrechenbar ist. Allein mit einem Fingerschnipsen ist das nicht zu erreichen. Der Spielfluss der Eisernen schien bereits gegen Ende der letzten Saison ziemlich angerostet. Etwa ab April  war Unions Spielweise von den Gegnern entschlüsselt und wichtige Punkte im Kampf um den Aufstieg wurden verloren.
Das von Keller geforderte...

...Pressing – eigentlich gut vermittelt und praktiziert – hatte einen Nachteil: „Wenn ich ständig auf Balleroberung aus bin, bedeutet das doch, dass die andere Mannschaft den Ball besitzt“, argumentiert Hofschneider. Er fordert nun mehr eigenen Ballbesitz, eine sichere Verteidigung sowie gutes Passspiel nach vorn. Dem Gegner soll das eigene Spiel aufgedrängt werden.
Mit den im Sommer engagierten Spielern wie Akaki Gogia, Marcel Hartel und Grischa Prömel wären solche Systemumstellungen schon zu  Saisonbeginn möglich gewesen. Aber im Endeffekt wurde durch ihren Einsatz lediglich die Zahl der Bankdrücker erhöht. Union hatte die wohl bestbesetzte Bank der Liga: Mit Steven Skrzybski, Stephan Fürstner, Damir Kreilach oder Dennis Daube hatten dort vier der wichtigsten Stützen der Vorsaison plötzlich einen Stammplatz, was der Stimmung nicht gerade förderlich sein konnte.


Strafbank? Wenn Top-Leute dauerhaft dort "abhängen", entwickeln sie sich möglicherweise zurück!?


Viele Spieler entwickelten sich kaum weiter oder sogar zurück. Einzig Rechtsverteidiger Christopher Trimmel konnte bislang fast durchweg überzeugen. Von Felix Kroos indes, der einst als Hoffnungsträger kam, waren viele Beobachter enttäuscht. Vielleicht ist die Sechserposition im defensiven Mittelfeld für ihn nicht optimal. Fürstner, wenn er denn spielte, war dort besser zu Hause.  Kroos kann auf dieser Position seine Stärken – den überraschenden Pass in Schnittstellen oder seine Schussqualität kaum einsetzen. Auch die sehr talentierten Hartel und Prömel, die anfangs gut einschlugen, schienen im Laufe der Spielzeit zu stagnieren. Und in der Innenverteidigung gibt es nicht zu übersehende Probleme und einen echten Bedarf an Verstärkung. Zumal Fabian Schönheim wegen erneuter Verletzung lange ausfallen wird. Und Christoph Schösswendter bei seinen wenigen Einsätzen nie die Qualität für eine Spitzenmannschaft in der zweiten Liga zeigte.
So war es letztlich nicht verwunderlich, dass von der Vereinsführung Konsequenzen gezogen wurden. Klubpräsident Dirk Zingler: „Wenn ich ehrlich bin, überrascht mich die Überraschung der Beteiligten. Die Überraschung der Menschen draußen und im Stadion, die überrascht mich nicht ... Es hat regelmäßige interne und kritische Analysen gegeben. Da ging es auch um Selbstreflexion und Kritikfähigkeit, und darum ob Trainer oder Spieler die Dinge so sehen wie der Verein oder die Zuschauer oder ob man glaubt, dass eigentlich alles in Ordnung ist.“
André Hofschneider hat nun den Auftrag aus dieser Mannschaft ein eingeschworenes Team mit klarer Hierarchie zu bilden, das den Willen hat, jedes Spiel zu gewinnen. Als erstes im neuen Jahr ging der Trainer die Frage der Hierarchie an. Er stellte den Mannschaftsrat um. Kapitän bleibt Felix Kroos. Michael Parensen und Damir Kreilach sind raus. Neu hinzu kamen Christopher Trimmel, Kristian Pedersen und Sebastian Polter. Vizekapitän bleibt Steven Skrzybski.


Konzentration oder Skepsis? Trainer Hofschneider scheint die Zeit davon zu laufen.


Zugänge und Abgänge dürften sich bis zum Ende der Wechselfrist in Grenzen halten. Vorerst wurde mit dem 21-jährigen Lars Dietz ein Verteidiger von Borussia Dortmund engagiert. Der 1,90 Meter große siebenfache U-20-Nationalspieler ist wohl eher eine Option auf die Zukunft und kann variabel in der Verteidigung eingesetzt werden: in zentralen Positionen hinten, auch als rechter Verteidiger. „Er ist ein Eins-zu-Eins-Ausgleich“, erklärte Sportgeschäftsführer Lutz Munack. Und meint anstelle des Rechtsverteidiger Atsuto Uchita, der schon bei Schalke eine Art Pflegefall war, und in Köpenick ebenfalls vor allem die Bank drückte.
Die Mannschaft hat die vergangenen zwei Wochen im Trainingslager an der spanischen Orangenblütenküste bei Valencia hoffentlich die Zeit genutzt. Hofschneider ließ seine Balltreter schon mal den Sonnenaufgang am Strand und auf dem Trainingsrasen genießen. Ob das nur Genuss war, dürfte zu bezweifeln sein. Die letzten Testspiele zeigten, dass neue Spielsysteme eingeübt werden. Wie weit die greifen ist abzuwarten.
„Es kommt darauf an, dass wir die Philosophie des Trainers schnell verinnerlichen“, sagte Steven Skrzybski dem Reporter des Berliner Kurier. „Wir als Mannschaft haben die Fähigkeiten, das mit Leben zu erfüllen. Hofi bringt die Vorstellungen, die er hat, gut rüber. Ich finde, dass wir das als Mannschaft gut annehmen und umsetzen.“
Darauf wird es schon am Dienstag ankommen, wenn Union beim Überraschungsteam, Aufsteiger und Tabellenzweiten Holstein Kiel antritt.