Ätsch - wir steigen auf! Sebastian Polter scheint sich jedenfalls ziemlich sicher zu sein.            Foto: Obuchoff


Am Samstag steht der Besuch der eisernen Tabellenführer beim Mitfavoriten Hannover 96 auf dem Zettel. Höchste Zeit für eine Zwischenbilanz von Union-Spezialist Hajo Obuchoff:
An der Alten Försterei entwickelt sich in diesen Frühlingswochen ein ungewohntes Gefühl. Denn die Kicker des 1. FC Union stehen urplötzlich an der Spitze der zweiten Bundesliga. Stets verdrängte Gedanken an einem möglichen Aufstieg sprießen nun wie die Schneeglöckchen hervor. Halb verzweifelt, gleichsam ironisch las sich kürzlich noch ein Spruchband auf der Waldseite im Stadions: „Scheiße... wir steigen auf“. Nach dem Sieg gegen Nürnberg heißt es nun: Spitzenreiter, Spitzenreiter.

Die Gelegenheit zum Aufstieg in Liga eins ist also tatsächlich günstig wie nie zuvor. Sieben Siege und ein Unentschieden in bislang acht Spielen der Rückrunde gelangen der Mannschaft von Trainer Jens Keller. Darunter waren...

...der nie gefährdete 2:0-Erfolg gegen München 1860, das souverän verteidigte 2:0 gegen Würzburg – dabei 48 Minuten in Unterzahl – oder der heiß umkämpfte 2:1-Auswärtssieg bei St. Pauli und nun der 1:0- Arbeitssieg gegen Nürnberg. Der erste Sieg des 1. FC Union gegen den Club aus Franken überhaupt. Spiele, die früher verloren wurden, gewinnt Union heute. Nun stehen sie auf Rang eins der Tabelle und damit tatsächlich auf einem direkten Aufstiegsplatz.

Einige Experten behaupten gar, Union Berlin sei zurzeit die stärkste Mannschaft der Liga. Nicht zu  vergessen: mit Hannover 96 und dem VfB Stuttgart sind zwei hochfavorisierte Teams die unmittelbaren Konkurrenten. Doch die schwächeln derzeit und so lauert Eintracht Braunschweig mit guten Chancen auf Rang drei.

Was ist anders geworden bei Union, dass die Mannschaft nun so plötzlich vor der größten Chance ihrer Geschichte steht? Beginnen wir mit Jens Keller, der es vor der Saison nach Köpenick fand. Keller als neuer Trainer nach einer Saison, in der drei Übungsleiter sich abgewechselt hatten, war von niemandem erwartet worden. Einst hatte er mit Schalke 04 immerhin zwei Mal die Champions League erreicht. War dort trotzdem nie so recht gelitten. Bei Union erwartete den Schwaben eine völlig andere Situation als auf Schalke. Hier herrscht eine fast familiäre Atmosphäre. Die Ziele sind weit gesteckt. Und ein Tabellenrang unter Platz fünf in Liga zwei schon angenehm. Der Verein versteht sich eben als der etwas andere Klub. Fans, Funktionäre und Kicker eins liegen auf beinahe einer Wellenlänge. "Ich glaube, ich bin der erste Trainer, der entlassen wird, wenn er aufsteigt", meinte Keller einmal gegenüber dem Fußball-Magazin „11Freunde“.

Natürlich haben er und die Klubleitung einen ehrgeizigeren Plan. „Auch wenn wir nur eine einzige Saison in der ersten Liga spielen würden, es hätte sich gelohnt“, sagte Präsident Dirk Zingler bereits vor ein paar Jahren. Heute will er mehr. Einer der besten 20 Vereine Deutschland soll sich Union Berlin werden. Das heißt: mindestens Rang zwei – also ein direkter Aufstiegsplatz. „Jawohl, ich möchte gerne mal mit Union durch die Bundesligastadien ziehen“, träumt Zingler. Seine Vision für die Alte Försterei: 40 000 Zuschauerplätze. Zumal sich ein Aufstieg auch finanziell lohnt. Allein aus dem TV-Vertrag dürften 40 Millionen in die Kasse fließen.

Keller und seine Mannschaft sind auf gutem Weg in diese Zukunft. Geschlossenheit und Ausgeglichenheit sind ihre größten Stärken. Kaum einer merkt, dass in den vergangenen Wochen gestandene Spieler wie Fabian Schönheim, Dennis Daube oder Benjamin Kessel in der Startelf fehlen. Auf ihren Positionen spielen Roberto Puncec, Stephan Fürstner und Christopher Trimmel so stark, dass sie diese Ausfälle fast vergessen lassen. Selbst den starken linken Verteidiger Christian Pedersen vertritt Michael Parensen, Unions dienstältester Spieler, zuverlässig. Statt des verletzten Torhüters Jakob Busk spielt der 21-jährige Daniel Mesenhöler zurzeit fehlerfrei. Und dann ist da auch noch ein Emanuel Pogatetz, der in der Innenverteidigung Toni Leistner oder Roberto Puncec nahezu vollwertig ersetzen kann.

Alle Spieler um den stark verbesserten Kapitän Felix Kross haben das Spielsystem des Trainers verinnerlicht und setzen es konsequent um. Die Eisernen setzen den Gegner früh unter Druck und sparen durch ihr präzises Spiel nach vorn viel Kraft. Auch der Abgang von Colin Quaner als Topscorer im Winter nach England wurde durch Sebastian Polter mehr als ausgeglichen.

Bei Polter, der ja schon vor knapp zwei Jahren bei Union stürmte, hat der Zuschauer den Eindruck, dass er nie gefehlt hätte. Er scheint wie ein Katalysator in der Mannschaft zu wirken. An seiner Seite sind Steven Skrzybski und Simon Hedlund noch gefährlicher geworden. Die 1,6 Millionen Euro Ablöse an die Queens Park Rangers haben sich schon jetzt gelohnt. „Es geht nicht nur um die Tore, die er macht. Auch um die Art und Weise, wie er seinen Körper reinhaut, wie er die Mannschaft mitreißt und die Bälle ablegt und behauptet. Das ist große Klasse“, umreißt Jens Keller Polters Rolle.

Mit Polter hat Union einen echten Anführer auf dem Platz gefunden. Das trägt er allerdings nicht vor sich her. Polter versteht sich als ganz normales Glied in Unions eiserner Kette.  „Ich will, dass meine Mannschaft gewinnt“, sagt er. „Wenn ein anderer trifft, freut mich das genauso.“ Und auch für das Einsammeln der Bälle nach dem Training ist sich der Mann nie zu schade. Die nahe Zukunft schildert Polter mit dürren Worten: „Wenn wir alle Spiele gewinnen, sind wir durch.“

Immerhin, es warten noch neun Spieltage, darunter auswärts gegen die drei direkten Konkurrenten. Der Endspurt der Saison ist im Gange. Für die Eisernen aus Köpenick kann die Position nicht günstiger sein. Und inzwischen heißt es den Fans: Wenn wir schon die Chance haben zum Aufstieg, dann wollen wir sie auch nutzen. Übungsleiter Keller meint auf die Frage, ob nun der Druck auf sein Team größer wird als früher: "Wenn man das Druck nennt, dann ist das schöner Druck. Ich bin gern im Aufstiegsrennen dabei und schaue von oben nach unten."