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Hat allen Grund nach vorn und nach oben zu blicken. Union-Trainer Jens Keller. Fotos (2): berlinreporter.Obuchoff


Der letzte Spieltag in der Hinrunde der zweiten Fußball-Bundesliga könnte  für den 1. FC Union Berlin mit seinem Auf und Ab als Spiegelbild der gesamten Hinrunde, ja sogar des gesamten zu Ende gehende Jahres 2016 stehen.
Ausgerechnet im letzten Spiel des Jahres gegen Greuther Fürth gab es ein deja vu. Rückblende auf den 3. Spieltag: In Bielefeld hatten die Unioner gerade einen 1:3-Spielstand in ein 4:3 gedreht. Es läuft die 84. Minute. Felix Kroos will einen weiten, öffnenden Pass spielen, schießt aber Referee Timo Gerach an, woraufhin der Bielefelder Tomasz David Holota gedankenschnell zu David Ulm weitergibt. Der hämmert den Ball zum 4:4-Endstand ein.
Knapp vier Monate später: Die Eisernen führen gegen Fürth in einem relativ sicher beherrschten Spiel mit 1:0. Doch in der 80. Minute prallt Stephan  Fürstners Befreiungsschlag an den Rücken der Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus. Der Ball kommt zu Serdar Dursun, der sofort schießt und Fürstners Fuß trifft. Das abgefälschte Spielgerät schlägt unhaltbar für Busk im langen Eck ein – 1:1. Die zwei verlorenen Punkte lassen die Eisernen von der Alten Försterei auf Rang fünf überwintern. Bei voller Punktzahl wäre man auf Platz vier vorgerückt und hätte sich für die Rückrunde eine noch günstigere Lauerstellung auf hinter der Spitzengruppe gesichert.
Trainer Jens Keller reagierte unwirsch: „Ich bin heute enttäuschter als nach der Niederlage letzte Woche in Heidenheim. Letzte Woche ging einfach nichts bei uns, solche Spiele gibt es. Ich glaube aber, dass wir heute ein gutes Spiel gemacht und die erste Halbzeit dominiert haben. Wir hatten das Spiel klar im Griff.
Nach dem 1:0 haben wir zahlreiche Chancen wo wir den Sack hätten zu machen können und bekommen ein ganz unglückliches Tor. Ohne dass es jetzt Vorwürfe gibt, haben uns Schiedsrichter inzwischen vier Punkte gekostet, das ist einfach ärgerlich.“
Trotzdem ist der...

...fünfte Tabellenrang zur Halbzeit der Saison durchaus akzeptabel. Schließlich erlebt die Mannschaft mit Jens Keller, der im Sommer das Zepter bei den Eisernen übernahm, immerhin den vierten Trainer innerhalb eines Jahres. Und jeder Trainer brachte schließlich sein eigenes System, eigene Vorstellung vom Spielerkader und seine ganz persönliche Trainingshandschrift mit.
Als Spieler muss man damit erst einmal zurechtkommen. „Wenn man das alles bedenkt und zusammenzählt“, meint Helmut Schulte, Leiter der Lizenzspielerabteilung des Vereins, „dann ist es schon überraschend, dass wir über das ganze Jahr 2016 erfolgreich Fußball gespielt haben.“
Erstaunlich auch wie der Abgang von Unions Torschützenkönig Bobby Wood  verkraftet wurde. Was wohl niemand erwartet hatte, dass plötzlich mit Collin Quaner ein Mann Tore schoss, den alle schon abgeschrieben hatten.
Eigentlich war Philipp Hosiner an die Alte Försterei geholt worden, um Wood zu ersetzen. Der Österreicher indes verletzte sich, so dass Quaner einsprang und bald sieben Tore auf seinem Konto hatte. Auch Steven Skrzybski, lange als ewiges Talent beschrieben, traf immer wieder und steht mit sechs Treffern in der Bestenliste. Und Union schnellte vom Rang 13 nach dem dritten Spieltag bis zum 10. Spieltag mit sechs Siegen sogar auf Rang zwei vor. Natürlich stieg sofort das Fieber unter den Fans und in den Hauptstadtmedien.
Immerhin hatte man sogar einen der stärksten Aufstiegskandidaten, Hannover 96, mit 2:1 nach Hause geschickt. Den ersten Dämpfer setzte aber schon das 0:1 zu Hause gegen Düsseldorf – die erste Heimniederlage nach 17 Spielen. Und spätestens das 0:1 im folgenden Spiel in Kaiserslautern brachte alle wieder auf den Boden zurück.
Als dann aber dem zweiten Erstligaabsteiger VfB Stuttgart in einem furiosen Finale noch ein 1:1 abgetrotzt und mit Braunschweig der Spitzenreiter 2:0 besiegt wurde, brach sofort wieder Euphorie aus. Jens Keller wollte davon nichts wissen: „Euphorie ist nie gut, aber wir dürfen selbstbewusst sein.“
Auch Kapitän Felix Kroos, der beim Sieg in Sandhausen ein sehenswertes Siegestor geschossen hatte, meint: „Jetzt wollen wir aber nicht übermütig werden.“
Dabei gab es doch Überraschungen. Der Däne Kristian Pedersen auf der bislang schwachen Stelle von Union, der linken Verteidigerposition, erspielte sich sofort einen Stammplatz. Auf der rechten Verteidigerseite liefern sich Benjamin Kessel und Christopher Trimmel einen ähnlich niveauvollen Kampf.
Neben Steven Skrzybski zeigen sich auch Kevin Prince Redondo und Simon Hedlund auf den Flügeln überraschend stark. Zeitweilige Rückschläge wie das 0:3 im vorletzten Spiel der Hinrunde in Heidenheim verunsichern das Team nicht so leicht wie es früher oft geschah.

Das liegt nicht zuletzt an der gut besetzten Bank. Selten, dass eine Einwechselung zu einem Leistungsabfall führt.
Es muss aber auch konstatiert werden, dass Unions Kader mit 29 Spielern nicht gerade knapp bemessen ist. Da aber der Verein inzwischen seine zweite Mannschaft abgeschafft hatte, bekommen die „Bankdrücker“ kaum Möglichkeiten, Spiele zu absolvieren.
Doch ausgerechnet vor dem letzten Spiel in der Vorweihnachtszeit gegen die seit 2003 nie wieder bezwungenen Kicker von Greuther Fürth füllte sich das Krankenrevier bei Union.
Dennis Daube hatte sich in Heidenheim die Schulter verletzt, muss operiert werden. Und bei Philipp Hosiner wurde ein Pneumothorax – eine krankhafte Luftansammlung im Brustkorb – diagnostiziert. Auch er wird einige Zeit aussetzen müssen. Daube hatte sich gegen Stephan Fürstner durchgesetzt.
Nun kann sich Keller glücklich schätzen, mit ihm einen erfahrenen Ersatz aufbieten zu können. Dass ausgerechnet Fürstner Auslöser des Flipper-Gegentors der Fürther wurde, fällt wohl unter Ironie des Schicksals.
Keller bevorzugt eine Spielweise, die auf frühes Pressing ausgerichtet ist und die Angriffe meist schnell über die Außenpositionen führt.
Das ist modern, aber auch sehr kraft- und laufaufwendig. Gerade für die Rückrunde, die sich erfahrungsgemäß meist anstrengender gestaltet als die Herbstserie, kann es also nicht schaden, starke Alternativen im Kader zu besitzen.
Hinter den gesetzten Kroos, Trimmel oder Leistner warten immerhin Spieler wie Benjamin Kessel, Fabian Schönheim, Christopher Lenz und Eroll Zenullahu.
Auch die lange verletzten Maximilian Thiel, Raffael Korte, Sören Brandy und Ur-Unioner Christopher Quiring könnten in der Rückrunde ihre Chancen bekommen. Natürlich, vielleicht sucht der eine oder andere im Winter bei anderen Vereinen seine Spielchancen.
„Wir haben eher einen großen Kader, und deshalb wird es wohl auch uns so gehen, dass einige Spieler eventuell einen anderen Weg gehen möchten“, meint Helmut  Schulte.
Ehe es allerdings soweit ist, geht es in den kurzen Weihnachtsurlaub, bevor im Januar das Training wieder beginnt. Aber vielleicht war der eine oder andere Spieler schon am 23. Dezember im Stadion an der Alten Försterei, um beim großen Weihnachtssingen fußballferne Talente zu präsentieren.
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