Das Hobby des Rennstallchefs aus Altglienicke ist der historische Motorsport, sein aktuelles Einsatzfahrzeug der Zakspeed-Capri von 1980. Foto: berlinreporter.Haehnel


Große Feierlichkeiten sind nicht das Ding des Peter Mücke. „Wir sitzen gemütlich, ganz in Familie beisammen. Ansonsten ist das ein normaler Montag“, sagte Peter Mücke kurz vor seinem 70. Geburtstag, der am 21. November anstand. Wer den Mann kennt, der zu DDR-Zeiten mehr als 450 Siege bei Tourenwagenrennen und im Autocross gewann, der heute Chef des größten privaten Rennstall Deutschlands ist und durch dessen Schule Rennfahrer wie der spätere Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel und aktuell Pascal Wehrlein gingen – der weiß, dass an solch einem Tag im Haus der Mückes im Südosten Berlins die Rede schnell auf den Motorrennsport gelenkt wird. Zumal der Chef erst am selben Tag vom Grand Prix der Formel-3 in Macau und Sohn Stefan von seinem Start beim Saisonfinale der FIA-Langstreckenweltmeisterschaft in Bahrain zurückgekommen waren. Erst nachdem Peter Mücke zwischen Büro und Werkstatt die wichtigsten Dinge erledigt waren, konnte er an das eine oder andere Glas Rotwein denken.
Die ausgelutschte Floskel „Der hat Benzin im Blut“ kann diesen Peter Mücke nicht beschreiben. Eher trifft die Diagnose: Der hat auch Blut im Benzin. „Mein Großvater war schon Rennfahrer, mein Vater DDR-Landestrainer für Motorrennsport. Ich war also schon als kleiner Junge an der Rennstrecke und erinnere mich, wie ich an der Bernauer Schleife im Fahrerlager mit meinen Modellautos gespielt habe“, erzählt Peter Mücke. Zu seinem ersten Rennen kam...

...Mücke erst als 27-Jähriger. Für einem Freund hatte er aus einem Schrott-Wartburg einen Renner gebastelt. Aber eines Renntages im Jahre 1974 auf eben jener Bernauer Schleife fehlte sein Pilot. Kurzentschlossen setzte sich Peter Mücke selbst ans Lenkrad – und wurde auf Anhieb Vierter. Erst danach habe ich meinen Eltern davon berichtet“, gesteht Mücke. Drei Jahr später wurde er erstmals DDR-Tourenwagenmeister – nicht mehr auf dem Wartburg, sondern auf einem Zastava. Als genialer Schrauber und Fahrer Mücke holte aus dem jugoslawischen Fiat-Lizenzbau natürlich technisch sowie fahrkünstlerisch das Maximale heraus. „Ich war nicht nur Fahrer, ich war Konstrukteur, Mechaniker, Teamchef und Rennfahrer in einer Person“, erzählte Peter Mücke. „Der Spaßfaktor war dadurch aber riesig. Manchmal kam ich zum Rennen und war völlig platt.  Wir hatten vorher zwei oder drei Nächte durchgearbeitet. Unsere Entwicklungsstufen wurden auch immer erst im letzten Moment fertig. Das ging nur, weil wir eine eingeschworene Gemeinschaft waren. Die Werksteams dagegen hatten ein enormes Budget hinter sich, wir haben dafür intensiver gearbeitet. Bald hatte der Berliner keinerlei Konkurrenz im gesamten Ostblock zu fürchten. Die Werksfahrer von Lada, Skoda oder Polski Fiat konnten dem Einzelkämpfer aus Treptow nur selten die Rücklichter zeigen.
Der Mücke-Zastava schaffte es übrigens 2008 in Österreich auf eine Briefmarke.
1981 verließ Mücke die Tourenwagenszene und wechselte zum Autocross: „Hier gab es wenig Reglementierungen. Wir konnten Allradsysteme bauen, den Motor frei verändern, den Rahmen bauen und so weiter. Jedes Teil war von uns. Das war eine Herausforderung, weil ich nicht nur als Fahrer, sondern auch als Konstrukteur gefordert war.“ Nahezu unschlagbar wurde Mücke als er seinem Buggy zwei Yamaha-Motorradmotoren angepasst hatte. „Die habe ich ganz offiziell am Grenzübergang Sonnenallee unter den wachsamen Augen der Staatsmacht in Empfang genommen“, versichert Peter Mücke. Ein verschmitztes Lächeln kann er dabei nicht verbergen. Dabei hatte der Rennfahrer, der zwar für den Motorsportclub des VEB Auto-Trans Berlin startete, aber eigentlich seinen Sport fast aus eigener Tasche finanzierte, kaum Protektion. Man musste schon ein Überzeugungs- und Organisationstalent sein, um so eine deutsch-deutsches Geschäft am DDR-Außenhandel vorbei zu realisieren. Mückes Erfolge im Autocross setzten sich auch nach allgemeiner Öffnung nicht nur des Grenzpunktes Sonnenallee fort: Dreimal wurde er Europameister.
In dieser Zeit musste Mücke aber ersteinmal seine wirtschaftliche Existenz sichern. „Beim Aufbau hatte ich den Vorteil, dass ich durch den Motorsport immer zu fighten gewöhnt war und die Möglichkeiten außerhalb der DDR kannte. Zum anderen war ich dadurch gewöhnt, ein Team zusammenzustellen und meine Leute zu motivieren“, sagt der heutige Teamchef.
Insgesamt zählt das Unternehmen Mücke am Rande Berlins einschließlich seines Fahrzeughandels etwa 80 fest angestellte Fachkräfte. Alles aufgebaut, ohne einen Cent Fördermittel, betont der Chef. In der Motorsportszene – ob in der DTM, Formel-3 oder den Nachwuchsklassen – hat sich das Mücke-Team mittlerweile den Ruf nicht nur eines Ausbildungsbetriebs für junge Rennfahrer erworben. Mücke setzt auf absolute Professionalität, absolute Gleichberechtigung der Fahrer und – keine Stallorder.
Aber Rennfahrer bleiben Rennfahrer – auch im Rentenalter. Immer wieder setzt sich Peter Mücke selbst hinter das Rennlenkrad. Mit einem Ford „Zakspeed“ Turbo Capri, Baujahr 1980, 540 PS, beteiligt sich Mücke an internationalen Youngtimer-Rennen. Im Oktober erst gewann er in Österreich den Histo-Cup Austria auf der Rennstrecke von Spielberg gegen 25 Konkurrenten. Sein Mechaniker: Sohn Stefan – wer sonst.



Die Ausgabe „Peter Mücke – Zastava 1100 – Schleiz 1980“ bildete damals den Startschuss für eine Briefmarkenserie zu Rennsportfahrzeugen der DDR. Im weiteren Verlauf gesellten Fahrzeuge wie Wartburg, Trabant, Skoda, RS 1000, aber auch Motorräder wie MZ und Simson auf Briefmarken dazu. Bild: Österreichische Post AG