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Kurz vor Weihnachten bereits hatte sich Fabian Schönheim vom 1. FC Union Berlin sein erstes Weihnachtsgeschenk abgeholt: Er durfte nach langen Wochen der Verletzung wieder auf der Ersatzbank Platz nehmen. Und dann auch noch mit einem Sieg in die Weihnachtstage gehen.
Seitdem sich Fabian Schönheim Anfang September eine schwierige Oberschenkelverletzung zugezogen hatte, war der hoch aufgeschossene kräftige Verteidiger in der Öffentlichkeit kaum präsent gewesen. Suchte man im Internet nach Schönheim, so fand man eher Mitteilungen über Herbert Schönheim aus Meddersheim. Der Mann aus der Nachbarschaft von Fabian Schönheims Geburtsort Rehborn gilt im Hunsrück als Kultschiedsrichter. Mitte November indes machte der Referee Schlagzeilen, weil er Spieler der SD Odenbach benachteiligt und beleidigt haben soll, was die Betroffenen veranlasste, das Spielfeld vor dem Schlusspfiff zu verlassen. Vielleicht erfuhr der nunmehr eiserne Unioner Schönheim beim Heimaturlaub mehr über den Skandal mit seinem Namensvetter.

Im 718 Seelen zählenden Dorf Rehborn nahm Fabians fußballbegeisterter Vater den Dreijährigen zum ersten Mal mit auf den Bolzplatz genommen hatte. Ab diesem Tag war der Ball dessen liebstes Spielzeug. „Mit vier Jahren bin ich in einen Verein eingetreten“, erzählt Schönheim. „Ich spiele jeden Tag Fußball. Es ist auch nötig, wenn man erfolgreich sein will. Einen Ball sollte man täglich am Fuß haben.“

Natürlich war es der FSV Rehborn, bei dem...

Schönheim junior zum ersten Mal die Töppen schnürte. Von einem kurzen Gastspiel bei der SG Desloch-Jeckenbach einmal abgesehen, spielte der Knabe in seinem Heimatverein. Mit 14 Jahren lockten die Roten Teufel den auffälligen Jungkicker auf den Betzenberg. „Bei einem Auswahlspiel ist dann der FCK auf mich aufmerksam geworden und ich bin dorthin gewechselt“, erinnert er sich. „Meine Eltern unterstützen mich in allem, was ich mache. Ihnen verdanke ich sehr viel.“
In Kaiserslautern zählte man damals den jungen Verteidiger als eines der größten Talente. Im Sommer 2005 erhielt er als einer der ersten Nachwuchsspieler seines Jahrgangs einen Profivertrag und schon am 22. Oktober erlebte er gegen Borussia Mönchengladbach sein erstes Bundesligaspiel. Beim 2:2 gegen Köln, ein Vierteljahr nach seinem Debüt, schoss Schönheim sein bislang einziges Tor in der 1. Bundesliga.

Damals begann Schönheims hoffnungsvollste Zeit. Er spielte in den verschiedenen DFB-Nachwuchs-Nationalmannschaften. Gleich sein erstes Länderspiel im November 2004 gegen die Türkei gewann er in der U-18 mit 5:1. In Kaiserslautern schauten dem gutaussehenden Kicker viele Mädchen nach. Da fuhr der junge Profi auch schon einmal mit einem fetten Schlitten an seinem einstigen Gymnasium vor.
Es folgten dann aber auch ernüchternde Zeiten. Der Verein stieg 2007 ab. Irgendwie gab es einen kleinen Riss in Schönheims Karriere. Der Verteidiger mit dem starken linken Fuß ließ sich vom lockeren Leben mit viel Geld und schönen Mädchen wohl etwas ablenken. Er fand sich immer öfter auf der Bank wieder. Eine schwere Verletzung, Ärger mit dem Trainer, Trennung vom Verein und Wechsel nach Wehen-Wiesbaden einschließlich Abstieg in die dritte Liga waren die Folgen. In der dritten Liga wurde er Leistungsträger und Kapitän seines Vereins. Aber sein Wechsel nach Mainz war erfolglos. Nur ein Kurzeinsatz in der Mainzer Bundesligamannschaft war ihm vergönnt. „Mein Jahr in Mainz ist nicht so verlaufen, wie ich mir das gewünscht hatte, deshalb sehe ich in diesem Wechsel eine große Chance“, sagte Schönheim vor seinem Einstand 2012 in Berlin-Köpenick beim 1. FC Union.

Hier schien sich der Pfälzer von Beginn an wohlzufühlen. „Ich bin am ersten Tag in die Kabine gekommen und habe mich gefühlt, als würde ich ewig mit den Jungs zusammenkicken. So leicht hat mir das noch keine andere Mannschaft gemacht. Aber es ist nicht nur der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft“, erzählt Schönheim. Natürlich trifft das auch auf das „sensationelle Union-Publikum“ zu. Bei denen ist jeder Unioner ein Fußballgott. Eine besondere Situation beeindruckte die Fans in einem Spiel gegen Ingolstadt. Der Schiedsrichter hatte auf Strafstoß gegen Union entschieden. Bevor der Schütze Ilijan Micanski sich den Ball schnappte, ging Schönheim zum Elfmeterpunkt und deute an, auf diesen Exekutionsort zu spucken. Micanski war so irritiert, dass er den Ball an die Latte schoss. „Aber ich habe das nicht aus Berechnung gemacht“, versichert Schönheim, „ich war einfach so in Rage. Dabei bin ich eigentlich ein ruhiger Mensch. Aber auf dem Platz hilft das hellwach zu bleiben.“

In der vergangenen Saison wurde Schönheim von den Fans zum besten Unionspieler gewählt. Sein Vertrag wurde bis 2019 verlängert. „Union ist ein großartiger Verein und geht seinen eigenen Weg. Diesen möchte ich auch weiterhin nicht nur mitgehen, sondern mitgestalten und prägen", bedankte sich Schönheim brav. Schönheim gilt in der Mannschaft als einer, der offen seine Meinung sagt, aber gern auch einen Witz oder Schabernack auf Kosten anderer auf Lager hat. „Ich bin einer, der gern mal austeilt“, sagt er. Der 1,91 große Abwehrmann ist schon an sich eine Respektperson. Aber gerade auf dem Spielfeld sieht er seine Stärken eher in der Antizipation, in der Vorausschau der Spielsituation. „Gelbe Karten kriege ich kaum durch Fouls, vielleicht mal durch Meckern oder wenn es taktisch sein muss.“ Bei Union zeigt sich Schönheim als gereifte Kickerpersönlichkeit, als Leitwolf. Die wilden Jahre hat er hinter sich gelassen. Sein Stand im Team ist unangefochten.

Und der Fußballer ist nicht nur Vorbild auf dem Rasen, sondern engagiert sich auch sozial. Gemeinsam mit Fußballnationalspielerin Tabea Kemme von Turbine Potsdam, Handballspieler Fabian Wiede von den Füchsen Berlin und Boxweltmeisterin Ramona Kühne unterstützt er die Aktion Bio-Brotbox für gesunde Kinderernährung. Rund 55.500 Erstklässler an über tausend Grundschulen in Berlin und Brandenburg hatten im Herbst zum Start ihrer Schullaufbahn eine Bio-Brotbox erhalten. Darin waren Produkte aus ökologischer Landwirtschaft sowie Informationen zu gesunder Ernährung in wieder verwendbaren gelben Brotdosen.

Das vergangene Jahr brachte Fabian Schönheim dann alles, was es an Höhen und Tiefen geben kann: erst Vaterglück und die Hochachtung der Fans, dann die Trennung von Frau und Kind. Und ausgerechnet in der schwierigen Zeit des Trainerwechsels bei Union erwischte den Unioner des Jahres die böse Verletzung. Gleichzeitig startete die Mannschaft einen ganz schlecht in die Saison. Schönheim musste dabei zusehen, ohne auf dem Platz helfen zu können. Die Verletzung im Muskel- und Sehnenbereich erwies sich als langwierig. Bei Union war Fabian Schönheim selten verletzt. Aber wie man Tiefpunkte im Leben überwindet – diese Erfahrung hatte er schon gemacht. „Dass ich den Karriereknick so früh hatte, ist gut für mich“, hatte Schönheim schon einmal gesagt. Heute ist er ein gestandener Profi, der weiß, welch ein Glück es ist, sein Hobby als Beruf ausführen zu können. Akribisch wie auf dem Platz absolviert er die medizinischen Behandlungen und das Aufbautraining. Zwischendurch nutzt er die Zeit, um bei Autogrammstunden mit den Fans in direkten Kontakt zu kommen. Nach der Winterpause will Fabian Schönheim unbedingt wieder auf dem Platz agieren. Zumal für den eisernen Unioner eine Begegnung mit seiner Jugendzeit ansteht: Das erste Punktspiel führt Union heute abend auf den Betzenberg gegen die Roten Teufel.

Foto: Obuchoff